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Morbus Crohn: Was passiert im Darm?
Man möchte es eigentlich nicht wahrhaben, aber unser Körper ist einem ständigen Angriff von außen ausgesetzt. Über die Nahrung gelangen unzählige Keime, Bakterien und Giftstoffe in unseren Magen-Darm-Trakt. Hier gilt es durch ein ausgeklügeltes System das Gute (Nährstoffe, Darmflora) vom Schlechten (Keime und Giftstoffe) zu trennen und Feinde effektiv abzuwehren.
Um die Verteidigung sicherzustellen, besitzt der menschliche Körper eine komplexe und schlagkräftige Abwehr - unser Immunsystem. Hauptdarsteller dieses faszinierenden Systems sind die weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die in verschiedenen Verteidigungslinien arbeiten und über Botenstoffe (Zytokine) mit einander kommunizieren und weiter reichende Abwehrstrategien initiieren. Die Darmschleimhaut ist die erste Barriere für Eindringlinge. Zusätzlich ist die Darmschleimhaut von einer Schutzschicht aus spezifischen Proteinen überzogen, den Antikörpern des Typs IgA. Diese Antiköper binden Fremdstoffe und verhindern dadurch deren Eindringen in den Körper. Die Bindung durch die Antikörper vom Typ IgA ruft keine Entzündung hervor und nur so wird gewährleistet, dass Milliarden von Bakterien auf unserer Schleimhaut leben und sich eine gesunde Darmflora bilden kann.
In der Darmschleimhaut geht die 1. Garde der Leukozyten, die Makrophagen, auf Streife. Sobald Fremdstoffe identifiziert sind, nehmen sie diese auf und bauen sie im Zellinneren ab. Demnach bezeichnet man die Makrophagen sympathischerweise auch als Fresszellen. Die Makrophagen erstatten Bericht über ihre Aktivitäten, indem sie Bruchstücke der Fremdstoffe zusammen mit körpereigenen Erkennungszeichen (Dienstausweis) ihren Kollegen präsentieren. Die so genannten T-Zellen sind die Kollegen, die 2. Garde der Leukozyten. Diese entscheiden, ob weitere Maßnahmen notwendig sind und fordern gegebenenfalls Verstärkung an. Zu der Verstärkung zählen die B-Zellen, die 3. Garde der Leukozyten. Die B-Zelle hat die Ausbildung eines Spezialagenten, wenn man so will, der James Bond unseres Immunsystems. Ganz in 007-Manier werden diese B-Zellen gerufen, wenn ein spezifischer Auftrag zu erfüllen ist. Ihre Waffen sind die so genannten Antikörper vom Typ IgG, hochspezifische Proteine, die den Eindringling in der Funktion einschränken, als Fremden kennzeichnen und somit "zum Abschuss freigeben". Die Spezialisierung der B-Zelle liegt in der Bindungsstelle ihrer Waffe, denn der Antikörper passt zu dem Eindringling wie ein Schlüssel zum Schloss.
Antikörper vom Typ IgG aktivieren andere Entzündungssubstanzen und vermitteln am wirkungsvollsten die Entzündung - in der Folge kommt es zu den bekannten Entzündungszeichen: Rötung, Schwellung und Schmerzreaktion.
Wie oben erwähnt erfolgt die Kommunikation innerhalb des Immunsystems über Botenstoffe (Zytokine). Insbesondere über die Botenstoffe Tumornekrosefaktor alpha (TNFα), Interleukin 1 und Interleukin 6 wird die Abwehrreaktion intensiviert. Man bezeichnet sie daher auch als entzündungsfördernde oder proinflammatorische Zytokine.
Andere Botenstoffe wie die Interleukine 4, 10 und 13 sorgen dafür, dass nach der erfolgreichen Abwehr wieder Ruhe und Ordnung hergestellt wird. Denn nach dem Spiel ist ja bekanntlich vor dem Spiel - die Entzündung wird gebremst und klingt ab. Die verantwortlichen Botenstoffe werden entzündungshemmende oder antiinflammatorische Zytokine genannt.
Die hohe Kunst der Verteidigung liegt im Management des Immunsystems:
- Einschätzung der Lage und Unterscheidung zwischen Fremd und Eigen - Meins oder nicht Meins?
- Koordination und Durchführung der Maßnahmen in angemessener Stärke - Einzelabwehr oder Verteidigung im Verbund?
- Wiederherstellung des Normalzustandes nach Zielerreichung - Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!
Bei der Erkrankung Morbus Crohn funktioniert das Management des Immunsystems nicht korrekt - ein unrealistischer Vergleich wäre folgender:
Nach längerer Abwesenheit kehren die Besitzer eines Einfamilienhauses zurück und stellen einen Einbruch fest, die Diebe sind glücklicherweise nicht mehr im Haus. Der Einbruch wird an die Polizeizentrale gemeldet, die aus unbekannten Gründen mehrere Hundertschaften zur Klärung dieses einfachen Sachverhalts entsendet. Vor Ort erkennen sich die Hundertschaften untereinander nicht als Polizeibeamten. Sie greifen sich gegenseitig an und fordern über Boten ständig Verstärkung an. Zu allem Überfluss können sich die Boten nicht durchsetzen, die zur Klärung des Konflikts beitragen könnten - die Lage eskaliert!
Aus bisher ungeklärten Gründen ist bei Morbus Crohn das Gleichgewicht und die Angemessenheit des Immunsystems aus den Fugen geraten:
Die Abwehr unterscheidet nicht mehr richtig zwischen Eigen und Fremd und greift körpereigene Stoffe an. Die Entzündung der Darmschleimhaut wird durch ein Ungleichgewicht zwischen entzündungshemmenden und -fördernden Botenstoffen aufrechterhalten - die Entzündung wird chronisch. Der Schutzfilm arbeitet nicht mehr korrekt, die Schleimhaut wird angegriffen. Die Funktion als Barriere und der Nährstoffaufnahme wird beeinträchtigt. Es kommt zu den typischen Symptomen wie Durchfall und Schmerzen. Ein langjähriges chronisches Entzündungsgeschehen führt zu einer Bindegewebsvermehrung und zu einer erheblichen Wandverdickung - die Darmschleimhaut "vernarbt".



